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»Ich habe
meine Waffe zurückgegeben.«
B.: Herr Dr. Eichenberger,
herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Roman »Der Siegermacher«.
Mit großer Präzision decken Sie in diesem Roman die
Machenschaften im Profiradsport auf. Leben Sie gefährlich?
Eichenberger: Nicht gefährlicher als
ein investigativer Journalist.
B.: Aber ein Journalist hat in
der Regel keinen geheimdienstlichen Hintergrund. Was sagt Ihr
ehemaliger Arbeitgeber dazu?
Eichenberger: Es wird ihn nur am
Rande interessieren.
B.: Was Sie erstaunt?
Eichenberger: (lacht) Nein, es hätte
mich gewundert, wenn es anders wäre. Die Sportwelt war damals
nicht das Thema. Geheimdienste sind durch Romane nicht zu
erschüttern. Zudem beschreiben meine Romane nur eine mögliche
Struktur der Geheimdienstarbeit.
B.: Aus rechtsstaatlicher Sicht
sind derartige Strukturen aber sehr zweifelhaft.
Eichenberger: Wenn Sie glauben, die
Arbeit eines Geheimdienstes müsse im Parlament erörtert werden,
haben Sie Recht. Wenn das geschieht, kann sich der jeweilige
Dienst aber auch gleich selbst liquidieren. Die Bürger haben ein
falsche Bild von der Geheimdienstarbeit. Sie glauben, der Agent
rückt bis an die Zähne bewaffnet aus, um die Welt zu retten...
B.: ... James Bond lässt grüßen?
Eichenberger: ... in Wirklichkeit
sind Geheimdienste bürokratische Monster. Und ihre Mitarbeiter
unterscheiden sich z. B. von denen eines Finanzamts nur
dahingehend, dass ihre Kantine nicht für die Öffentlichkeit
zugänglich ist.
B.: Die operativen, heiklen
Aufträge werden also ähnlich wie in Ihrem Buch outgecourst?
Eichenberger: So ist es.
Geheimdienste bedienen sich grundsätzlich Leiharbeitern, wobei
diese den Hintergrund der Auftraggeber nicht kennen. Der
wirkliche »James Bond« hat keine Zähne. Er ist im offiziellen
Beruf Unternehmensberater, Detektiv, Angehöriger eines
EDV-Dienstleisters, Fernmeldetechniker, Handelsreisender usw.
Und baut er Mist, wird sich der jeweilige Geheimdienst nicht
erinnern können, diese Person je gekannt zu haben.
B.: Gibt es den von Ihnen
beschriebenen Siegermacher wirklich?
Eichenberger: Nicht nur einmal.
Wobei ich nicht behaupten will, dass jeder »Berater« im
Spitzensport einen zweifelhaften Background hat. Aber ich muss
zugeben, etwas Erfahrung in unserem Gewerbe macht die Arbeit
effizienter.
B.: Wie konnten Sie Derartiges
recherchieren?
Eichenberger: Das war nicht so
schwer, wie es im Roman dann erscheinen mag. Ein Mitarbeiter des
aufgelösten ostdeutschen Geheimdienstes, dessen Sohn
Radsportprofi war, schrieb mir einen siebenseitigen Brief. Wir
trafen uns dann im Februar letzten Jahres in Potsdam, aber ich
glaubte ihm zuerst kein Wort. Doch alles war logisch,
großenteils belegbar und wesentlich skandalöser, als ich es dann
im Roman verarbeitet habe. Es gilt: Was nicht stimmt, ist
sorgfältig kombiniert.
B.: Ist es normalerweise nicht
umgekehrt?
Eichenberger: Das ist vielleicht der
Unterschied zum Journalismus, bei dem alles belegbar sein
müsste. Beim Romanautor eher nicht. Er muss auf bestimmte Dinge
Rücksicht nehmen. Man darf nicht alles detailliert erklären,
sonst drohen Klagen. Auch sollte er Kriminellen aller Couleur
keine Gebrauchsanweisungen liefern.
B.: Und was sagen die
Staatsanwaltschaften?
Eichenberger: Das ist eine andere
Ebene, eine andere Perspektive, wenn Sie so wollen. Dem
organisierten Verbrechen war noch nie mit gewöhnlichen
strafprozessualen Maßnahmen beizukommen. Nur mit
geheimdienstlichen Methoden ist das Vorfeld der kriminellen
Handlung auszuleuchten.
B.: Sie setzen den Profiradsport
mit dem organisierten Verbrechen gleich?
Eichenberger: Keineswegs, nur
gewisse Machenschaften dahinter. Meine Meinung ist aber
unwichtig. Jeder Laie kann meinen Roman lesen und die
Dopingskandale im Profisportbereich der Vergangenheit und der
Zukunft entsprechend meiner Berichte analysieren. Und wer dann
immer noch der Ansicht ist, dass das nicht organisiert ist,
sondern so etwas wie ein moralisches Versagen des jeweiligen
Sportlers, der kann auch an den Weihnachtsmann glauben.
B.: In Ihrem Roman hat der
Siegermacher ein Gesicht und wird recht genau beschrieben. Ist
dies nun eine Romanfigur oder gibt es den Herrn tatsächlich?
Eichenberger: Alle Personen, die in
dieser Geschichte vorkommen, gibt es tatsächlich. Aber es sind
aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes und vielerlei
Rücksichtnahmen Personen, Institutionen, Orte und bestimmte
Zusammenhänge so verändert worden, dass eine Ähnlichkeit mit den
tatsächlichen Akteuren rein zufällig wäre. Alles andere wäre
gefährlich.
B.: Im Roman liegt die Pistole
der Agenten ungesichert in der Schreibtischschublade. Sie selbst
sind unbewaffnet?
Eichenberger: (lacht) Ich bin
dienstlich längst im Ruhestand und habe vor Jahren meine Waffe
zurückgegeben. Sie würde mich heute im Ernstfall mehr gefährden
als mir nutzen. Und solange das Geschäft der Herrschaften wie
geschmiert läuft, hoffe ich das Beste.
B.: Herr Dr. Eichenberger, ich
danke Ihnen für dieses Gespräch.
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