Alles über die Romane von Heinrich Eichenberger

 
Hubert W. Holzinger Verlag, Berlin - Protagonisten
Geheimdienstlexikon

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- Militärischer Abschirmdienst (MAD) -

Das Amt für den militärischen Abschirmdienst ist der Nachrichtendienst der Bundeswehr und hat offiziell die Funktion einer Verfassungsschutzbehörde.

Der MAD, Teil der Streitkräfte, soll innerhalb der Bundeswehr verfassungsfeindliche Bestrebungen aufspüren (→ Verfassungsschutz), was wohl im Wesentlichen bedeutet, Sabotage und Zersetzung abzuwehren. Ob es bereits eine Form der Zersetzung ist, wenn Unteroffiziere  bei der Bundeswehr jungen Rekruten androhen, »hier mörderisch gefickt zu werden«, entzieht sich der Kenntnis des Verfassers.

Der MAD ist jedenfalls berechtigt, Telefonate, die in oder aus der Kaserne geführt werden, mitzuhören und die Post der Offiziere und Soldaten zu öffnen und tut dies auch. Und natürlich sind die »Bürger in Uniform« in ihren verfassungsmäßigen Rechten generell eingeschränkt. Wieweit die Strukturen von Armeen immer schon antidemokratisch waren und weiter sein müssen, obwohl sie ja die Demokratie verteidigen sollen, ist ein grundlegendes Problem. Sicher ist, dass derartige Defizite nicht durch einen Geheimdienst zu lösen sind. Der Fairness halber muss aber gesagt werden, dass im Verhältnis zu manch anderer Armee in Europa die heutige Bundeswehr fast schon zivil erscheint. Trotzdem ist es sehr fragwürdig, entziehen sich staatliche Organe der Gewaltenteilung und züchten im abgeschirmten Raum vom Militärpfarrer über den Geheimdienst bis zum Militärrichter alles in einem Topf.

Die originäre Aufgabe des MAD sollte die Abwehr von Spionage sein. Und natürlich wird da auch schon einmal der eigene Minister abgehört, wie dies 1978 publik wurde. Stets gilt es, bei solchen Vorkommen zu berücksichtigen, dass man es mit einem Geheimdienst zu tun hat. Der in den Medien publizierte Skandal ist die nicht stimmige Version der Medien, aber die Spitze des Eisbergs. Funktioniert der Geheimdienst nach seinen Regeln, erfährt weder die Presse noch das Opfer davon, dass hier der Geheimdienst »gearbeitet« hat.

»Intensive Gespräche mit nackten Jünglingen«

Illegale Lauschangriffe und Abhöraktionen gehören für einen Geheimdienst, der auch noch Teil des Militärs ist, zum Repertoire. Und wie ein Geheimdienst einen Verdacht konstruiert, entzieht sich jeglicher Kontrolle. Mit der derzeitigen Rechtslage sollte niemand die Hoffnung haben, dass er sich gegen das Tun eines militärischen Geheimdienstes wehren könnte. Betroffen ist der in der Wehrerfassung befindliche Personkreis vom General bis zum Totalverweigerer. Und kein Parlamentarier sollte sich darüber Illusionen machen, dass es ihm im Zweifel besser geht.

1983 unterstellte der MAD dann einem NATO-General, er wäre durch seine Homosexualität ein Sicherheitsrisiko. Obwohl die Bücher von Eichenberger nichts über deutsche Geheimdienste schreiben, wäre den Lesern dieser Romane jetzt bereits klar, dass bei solchen klaren Entscheidungen einer Schlapphutbehörde am Schluss nichts stimmt. Dass man Homosexualität mit Sicherheitsrisiko gleichsetzt, sollte nicht verwundern. Wer die Bürger in Uniform »fickt«, sie »schleift« oder sie antreibt, bis »ihnen das Wasser im Arsch kocht«, kommt aus einem Milieu, das von der Zivilgesellschaft weit entfernt ist. Doch der General war überhaupt nicht homosexuell, er war nur ledig.

Wie man morgen den und übermorgen einen anderer behandelt, der in das Visier eines Geheimdienstes kommt, zeigte diese Affäre: Die herabwürdigen Äußerungen wurden weder angesprochen noch bat man den General um eine Stellungsnahme. Man versetzte ihn ohne Begründung in den einstweiligen Ruhestand. Und natürlich fand keine Nachprüfung der Ermittlungen statt.

Das machte dann die Presse, als sich der General wehrte. Verwundert stellte sie fest, dass noch nicht einmal der zwielichtige Informant irgendeinen Beweis für die Behauptungen hatte, sondern er offenbar lediglich auf Grund des Spitznamens eines Barbesuchers, den alle »Günter von der Bundeswehr« nannten, darauf schloss, dass es bei der Bundeswehr nur einen mit dem Vornamen Günter geben kann und dies der General sein müsse.

Nein, das ist keine Satire und jeder Fall unterhalb der Generalität hätte in keiner Presse gestanden und wäre nie dementsprechend aufgearbeitet worden.

Aber fast jede Armee leistet sich militärische Abschirmdienste. Im Roman »Der Siegermacher«, berichtet der Geheimdienstfachmann Eichenberger über einen italienischen General, den man plötzlich in Verdacht hatte. Das klingt dann anlässlich eines Mittagessens mit dem italienischen Verteidigungsminister und seiner dubiosen Begleitung so:

Der Politiker hatte schallend gelacht und Cavallucci verzog unwillkürlich sein wulstiges Gesicht zu einer Grimasse. Dieser Fremde war nicht vom Militär und natürlich auch kein Beamter der Innenrevision. Mit Buchhaltern ginge der Minister weder essen noch begleiteten sie ihn. Und der Chef der Innenrevision sähe nicht aus wie ein übernächtigter Clochard, noch würde er sich mit dem Minister in der Öffentlichkeit zeigen. Cavallucci schloss messerscharf, dass dieser Typ irgendeine Figur des militärischen Geheimdienstes wäre und schaute sich um. Tatsächlich saß nahe der Tür bei den Polizisten des Personenschutzes noch so eine Gestalt herum, der jeder Polizeioffizier die Ohren lang gezogen hätte, würde sie so zum Dienst antreten. Diese Art Taugenichts erkannte man vor allem daran, dass sie nie alleine auftraten.

Dem General war kein einziger Erfolg dieses Dienstes bekannt, aber er wusste von zahlreichen Geschichten in ganz Europa, bei denen anständigen Armeeangehörigen auf Grund der Tätigkeit dieser Herrschaften wenn nicht das Leben, so doch die Karriere zerstört wurde. Ein Saunabesuch konnte ausreichen, dass eine Offizierslaufbahn abrupt beendet wurde, weil die militärische Abwehr in ihrem Observationsbericht das Wort »Sauna« wegließ und stattdessen von »intensiven Gesprächen mit nackten Jünglingen in der Nähe des Stadtparks« berichtete. Fazit: Sicherheitsrisiko.

Ein Kellner servierte Leitungswasser und brachte Brot, Butter, Oliven und Öl an den Tisch. [...]

Cavallucci kniff die Augen zusammen: »Was habt ihr auf dem Herzen? Ich wüsste nicht, was mich ins Visier der Abwehr gebracht haben könnte.«

Der Verteidigungsminister tat irritiert. »Abwehr!? Aber mein lieber Cavallucci, Herr Giovanni ist von der Innenrevision – mein Ehrenwort. Was haben wir denn mit der Abwehr zu tun? Nichts, rein gar nichts.«

»So, so«, machte der General und legte sein Besteck zur Seite. Sofort kam der Kellner und fragte, ob alles recht war und nach weiteren Wünschen der Herrschaften. Der Minister winkte dankend ab und der General wurde nicht gefragt.

»Sie wissen ja, mein lieber Generalmajor, wenn es irgendwelche Probleme geben sollte, dienstlich, privat, finanziell, eben irgendwelche – ich bin immer für Sie da und habe stets ein offenes Ohr.«

So funktioniert militärische Abwehr generell. Kann man den höheren Rängen nichts beweisen, weil die illegal beschafften Beweise mehr als windig sind, setzt man die Leute einer offenen Beschattung aus. Man verfolgt sie und wer die Nerven verliert, hat den vagen Verdacht bestätigt. Dass Menschen die Nerven verlieren, werden sie observiert, dümmlich befragt und ständig abgehört und kontrolliert, ist manchem innerhalb der Geheimdienstapparate nicht klar.

Unsere Gespräche mit Offizieren in verschiedenen Ländern endeten durchweg mit der Feststellung, dass es ihnen einerlei wäre, würde man sie abhören, ihr Post kontrollieren usw. Und jeder der Militärs war sich bewusst, dass dies auch geschieht.

 

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Heinrich Eichenberger, Geheimdienstmann und Autor

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