Alles über die Romane von Heinrich Eichenberger

 
Hubert W. Holzinger Verlag, Berlin - Protagonisten
Geheimdienstlexikon

Geheimdienst Lexikon (kommentiert)

D

M

U

Desinformation

MAD

Überläufer

Doppelagent

 

 
  MfS

V

E   Verfassungsschutz
Eigensicherung

O

Verrat

A

 

Observation

Verzögerungszeit

Abwehr

G

   

Abhörmaßnahmen

Geheimdienst

S

W

Abhörschutz

 

Schläfer Wanzen

Agent

K Selbstläufer Wirtschaftsspionage
 

Kurier

SIS  

B

  Spionage  

BND

L Stasi  
Briefkasten (toter)

Legende

   
       
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- Abwehr- 

Das Abwehren von gegnerischer Spionage, Sabotage sowie der Schutz des eigenen Nachrichtendienstes sind Aufgabe der Abwehrdienste.

Während es jeder Staat als legitim erachtet, dass sein eigener Auslandsgeheimdienst in anderen Ländern Informationen sammelt oder Operationen durchführt, versucht er im Gegenzug, diesbezügliche Tätigkeiten auf seinem Territorium abzuwehren bzw. zu unterbinden.

In Deutschland wird »Geheimdienstliche Agententätigkeit« mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft. Nach § 99 StGB genügt es, gegenüber dem Geheimdienst einer fremden Macht sich bereitzuerklären, ihm Tatsachen, Gegenstände oder Erkenntnisse zu liefern. Wohlgemerkt, der angeworbene Informant liefert keine Staatsgeheimnisse oder dergl., es genügt, im Auftrag einer fremden Macht auszukundschaften, ob z. B. der Nachbar täglich mit dem Auto oder mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Strafbar macht sich so auch der → Kurier, der diese Informationen überbringt.

An diesem Beispiel ist zu erkennen, dass Staaten bereits mit sehr weit gefassten Strafvorschriften versuchen, jede Tätigkeit gegnerischer Geheimdienste auf ihrem Territorium zu erschweren. Daraus ergibt sich, dass der Agent nicht beim entsprechenden Geheimdienst angestellt ist, sondern, wenn überhaupt, bei einer Tarnorganisation. Und ferner ist klar, dass jeder Agent eine plausible offizielle Funktion (→ Legende) wahrnimmt, die vom Agentendasein weit entfernt zu sein scheint. Nehmen also die eigenen Ermittler regelmäßig Spione und Agenten fest, während das »böse« Ausland stets vollkommen unbedarfte und unschuldige Journalisten, Industrie- und Handelsvertreter, Geologen und Entwicklungshelfer verhaftet, so entspricht dies genau der beschriebenen Tarnsystematik.

Passive Abwehr

Die jeweilige Spionageabwehr wird - ähnlich wie der Brandschutz - einerseits passiv erfolgen. Das bedeutet, dass der Zugang zu Staats- oder Wirtschaftsgeheimnissen (oder anderweitigen vertraulichen Daten) nur Personen gewährt wird, die das entsprechende Vertrauen genießen, überprüft sind und diese Informationen für ihre Tätigkeit auch benötigen. Wer sich den alltäglichen Bürobetrieb vor Augen führt, wird sehr schnell erkennen, dass die Interaktionen von Chef, Stellvertreter, Sekretärin, Sachbearbeiter, Fremdarbeiter, Auszubildender, Volontär, Boten, Pförtner, Reinigungsdienst im Alltag sehr komplex sind.

Menschen können aber nicht arbeiten und leben, muss ihr Handeln stets von Misstrauen gegenüber dem Partner und Arbeitskollegen begleitet sein. In der Praxis ist deshalb passive Spionageabwehr, die im Endeffekt von Laien exekutiert werden muss, nur begrenzt praktikabel. Im Bereich der Wirtschaftsspionage stehen dann Unternehmer = Laien, Geheimdienstprofis vis-à-vis. Ein ungleicher Kampf, der regelmäßig verloren geht.

Der Roman »Faule Eier« behandelt u. a. den Fall organisierter Wirtschaftsspionage. Konkurrenzunternehmen versuchen, über das Mittel der Spionage Wettbewerbsvorteile zu erlangen. Dazu auch das Interview mit dem Autor, der nahezu sein gesamtes Leben in diesem Bereich gearbeitet hat.

Abwehrdienste sind dann auch regelmäßig damit überfordert, Staat und Wirtschaftsunternehmen passiv (durch Beratung etc.) umfänglich zu schützen. Vergleicht man die passive Spionageabwehr mit einem Wohnungstürschloss, so hält dies natürlich dann, wenn die Tür ins Schloss fällt und der Schlüssel innen steckt, allen »Einbruchsversuchen« des Wohnungseigentümers stand. Und weil es in den Kriminalfilmen so gut funktioniert, zerstört man beim Öffnungsversuch regelmäßig noch die eigene Kreditkarte.

Stellt man sich jedoch vor, dass es keine Rolle spielt, ob das Schloss oder die gesamte Tür anschließend kaputt ist, so hat auch das beste Schloss nur eine → Verzögerungszeit von wenigen Minuten. Macht man sich im anderen Fall bewusst, dass man nicht jetzt sofort, sondern innerhalb des nächsten Jahres das Hindernis zu überwinden hätte, so fächern sich die Möglichkeiten ins schier Undenkbare auf.

Spionageabwehr ist deshalb nur zu verstehen, hat man fundierte Kenntnisse über Spionage und die Möglichkeiten der Gegner.

Während beim gewöhnlichen Einbrecher der Aufwand im richtigen Verhältnis zum erwartbaren Ertrag stehen muss, stehen hinter Spionen fremde Mächte (Staaten oder Konzerne, wobei Konzerne oftmals auf die Hilfe der eignen Geheimdienste zählen können). Die Kalkulationen unterliegen dann einer wirtschaftlichen/politischen Gesamtrechnung. Der einzelne Aufwand wird in einem strategischen, politischen Zusammenhang gesehen. Es geht somit ganz schnell darum, »die Welt zu retten«, und plötzlich relativieren sich auch erhebliche Kosten. Untersucht man das Weltgeschehen auf markant-ineffiziente Erscheinungen (mit Kanonen auf Spatzen geschossen), so ist fast sicher ein Geheimdienst mit verstrickt. Sind immense Summen Kopfgeld auf einen Verbrecher ausgeschrieben und die Polizeibehörden drehen sich  mit ihren Ermittlungen im Kreis, so gilt das Gleiche.

Aktive Abwehr

Die entsprechenden Abwehrdienste konzentrieren sich in der Regel auf die Schwachstelle, die jede Informationsgewinnung hat. Nach der Informationsgewinnung muss sie nämlich zum Auftraggeber transferiert werden. Das erscheint für Laien recht banal, weil sie ganze Bücher zur Tante ins Ausland verschicken. Weil man auf jedem Bahnhof eine Zeitung aus dem Papierkorb fischen kann, die ein anderer zuvor dort eingeworfen hat. Weil man über das Internet alles mögliche verschicken kann. Und so ist es auch! Wenn kein konkreter Verdacht besteht, tun sich Staaten, in denen die Freizügigkeit der Bürger garantiert wird, in der Regel sehr schwer, aus der Vielzahl der Interaktionen diejenige zu selektieren, welche die illegale Information enthält.

Gelingt es der Abwehr, z. B. einen → Kurier zu enttarnen, wird sie vermutlich ihn gewähren lassen, weil man durch seine Observation bereits die Quelle und den Kontaktmann, Agentenführer etc. finden könnte. Aber das ist nicht so einfach, denn für die → Observation eines Profis benötigt man eventuell Monate, ohne einen Erfolg zu verzeichnen.

Alle Geheimdienste haben deshalb Interesse daran, gegnerische Dienste zu unterwandern. Denn irgendwie müssen alle Wege, seien sie noch so verschlungen, wieder zurück in die gegnerische Zentrale kommen. Was liegt also näher, als zu versuchen, einen hauptamtlichen Innendienstmitarbeiter eines gegnerischen Geheimdienstes umzudrehen?

Die Agenten des → MfS, die man nach dem Zusammenbruch der DDR beim BND oder beim Verfassungsschutz enttarnt hatte, wurden jedoch nicht umgedreht, sondern hatten sich regulär bei den Diensten beworben und eine entsprechende Karriere angestrebt. Gemessen am Ergebnis, hatte sich die Abwehrabteilung des BND nicht mit Ruhm bekleckert. Jeder → Überläufer der Stasi wurde dann auch von einem eingeschleusten Agenten im BND auf das herzlichste begrüßt.

Das Spiel »Spion gegen Spion« ist Grundlage jeder Geheimdienstarbeit. Wer es nicht immer wieder gewinnt, verheizt seine Agenten und bleibt erfolglos. Was man selbst anstrebt, strebt immer auch die Gegenseite an. Jeder Geheimdienstchef ist sich bewusst, dass er potentielle Verräter beschäftigt (es kommt eben auf die Perspektive an). Wer es nämlich gelernt hat, konspirativ zu arbeiten, ohne entdeckt zu werden, kann auch konspirativ verraten, ohne enttarnt zu werden.

Hat man einen oder mehrere Agenten eingeschleust oder zu Doppelagenten gemacht, kann in Erfahrung gebracht werden, welche Informationen beim Empfänger ankommen und das potentielle Material am Objekt präparieren (→ Desinformation). Am selektiv präparierten Material wird sich dann der Spion vor Ort verraten.

Die Organisation eines Geheimdienstes muss deshalb auch innerhalb so aufgebaut sein, dass möglichst wenige Personen den Gesamtzusammenhang der Operation wissen. Auf keinen Fall darf ein Agent, der im Ausland arbeitet, über Wissen verfügen, das über das für seinen Auftrag notwendige hinausgeht. Das Prinzip ist, dass er bei einer Festnahme sich höchstens selbst verraten kann, nicht jedoch Kollegen, Führungsoffiziere und andere gefährdete Personen.

So arbeitet dann die Abwehr mit mehr oder minder stark aufgeblähten Observations- und Abhörteams, deren einzige Aufgabe es ist, die eigenen Kollegen zu überprüfen. Die Suche nach persönlichen Schwachstellen (sexuelle Disposition, Überschuldung, Spielsucht, psychische Probleme, Alkoholismus etc.) ergeben einen Anfangsverdacht. Der Profi unter den Doppelagenten wird derartiges aber wissen und eben nicht auffallen. So ist es also ohne weiteres möglich, dass ein hochkarätiges Observationsteam über vier, fünf Wochen den vollkommen unschuldigen Hauptabteilungsleiter der eigenen Behörde observiert.

Denn wenn ich weiß, dass der andere weiß, wie ich reagiere, wenn er weiß, dass ich weiß, was er weiß... (überlegen Sie sich das einmal zu Ende).

 

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Heinrich Eichenberger, Geheimdienstmann und Autor

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