Alles über die Romane von Heinrich Eichenberger

 
Hubert W. Holzinger Verlag, Berlin - Protagonisten
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Geheimdienstagenten lügen nicht,  sondern sagen die Wahrheit auf Grundlage einer zuvor erarbeiteten Legende. Legenden in der Geheimdienstsprache sind, im Gegensatz zur Lüge, nicht widerlegbare Behauptungen, wie wir an mehreren Beispielen nachfolgend verdeutlichen. Ein derartiges Vorgehen wird auch einen klassischen Lügendetektor überlisten, aber auch einen Scanner für Gehirnaktivität. Das Prinzip lautet: Die Unwahrheit darf nicht komplexer als die Wahrheit sein.

Der ehemalige Geheimdienstmann Eichenberger schreibt dazu in seinem Roman »Der Siegermacher« auf S. 322 folgendes:

... denn auch lügen musste gelernt sein.

Menschen lügen aus unterschiedlichen Gründen. Manche lügen immer, ohne Not oder triftigen Grund, denen ist nicht zu helfen und ihre Umgebung lächelt nur mitleidig. Andere lügen durch das Belassen von Irrtümern und das Verschweigen von relevanten Tatsachen und Konsequenzen. Das sind die Politiker und das apathische Volk straft sie nicht ab.

Die meisten Menschen lügen jedoch durch aktive Falschaussagen, die alle nicht nur aus Kindertagen kennen. Es ist das Abstreiten. Das Gegenüber erhebt einen Vorwurf bzw. verdächtigt den Lügner, etwas bestimmtes getan zu haben. Mütter, Polizisten und Ehefrauen sind damit konfrontiert.

Vorwurf: »Hast du dich wieder mit Rita getroffen?« Antwort: »Nein, ich habe mich nicht mit Rita getroffen.«

Nun versucht man, mit frei erfundenen zusätzlichen Lügen diese Falschaussage zu bekräftigen. Es wird ein ganzes Lügengebäude errichtet: »Nein, ich habe mich nicht mit Rita getroffen, ehrlich, du kannst mir glauben. Ich habe Rita schon vier Wochen nicht mehr gesprochen und war gestern Abend mit Egon im Kino.«

All das macht die Lüge jedoch nicht stabiler, sondern vergrößert die Möglichkeiten des Ermittlers, Gegenbeweise zu liefern. Im letzten Fall muss nicht nur das eigene, sondern auch noch das Lügenmärchen von Egon aufrechterhalten werden. Egon lügt jedoch nur aus Freundschaft, wenn überhaupt. Er wäre der erste, der sich in Widersprüche verwickeln würde, denn ihm fehlen meist alle weiteren Informationen, um flexibel reagieren zu können. Profis versuchen deshalb, derartige Lügen zu vermeiden und reduzieren die Falschaussage auf den zu verschleiernden Punkt. Eine sogenannte Legende, auch ein einziges Alibi muss weitestgehend stimmen und einfach überprüfbar sein. Gäbe man also die im Beispiel hinterfragte Begegnung mit Rita zu und bestritte nur das, was Spekulationen oder Schlussfolgerungen sein mögen, so kann ein Dritter die Sache nicht widerlegen. »Ja, ich bin zufällig Rita begegnet. Sie hat mich dazu gedrängt, mit ihr doch einen Kaffee zu trinken.«

Damit sind alle Informationen, die Dritte durch Zufall weitergeleitet haben könnten, vorsorglich eingeräumt. Jetzt gilt es nur noch, Schlussfolgerungen und Spekulationen abzuwehren. Man müsste sich also lediglich wiederholen mit: »Nein, so war es nicht.«

Die Grundsätze heißen somit: Streite nie ab, was ein Dritter beobachtet haben könnte. Verneine lediglich die nicht beweisbaren Spekulationen oder Schlussfolgerungen und seien sie noch so einleuchtend. Bleibe dabei, auch wenn ein Kronzeuge (in diesem Falle wäre es Rita selbst) das Gegenteil behauptet.

(Auszug: Heinrich Eichenberger: »Der Siegermacher«; ISBN 978-3-926396-70-9; 19,00 Euro; alle Rechte vorbehalten)

Bei der geheimdienstlichen Arbeit muss folglich die Legende bereits stehen, bevor man eine Aktivität beginnt. Trifft sich der Agent mit seinem Führungsoffizier auf feindlichem Territorium, so muss unwiderlegbar feststehen, warum man an diesen Treffpunkt erschienen ist. Gibt es im selben Haus z. B. ein Fitnessstudio, muss der Agent dann in diesem auch erscheinen, will er behaupten, er hätte das Haus betreten, weil er das Fitnessstudio besuchte.

Unsere Leser werden keine Geheimdienstagenten sein, deshalb noch ein Tipp für Ehepartner auf Abwegen: Sind Seitensprünge keine einmaligen Sprünge zur Seite und zurück, sondern arten zu »illegalen Liebschaften« aus, lauert der »Verrat«  bereits im Vorfeld. Der Mensch ist nämlich ein Gewohnheitstier und sein Partner kennt unbewusst dieses Muster. Es beginnt bei der Körperpflege, geht über die Bekleidung und gipfelt in der Intensität, mit der man einen bestimmten Termin üblicherweise einzuhalten pflegt. Zwei Mal auf die Uhr zu blicken, geht es zum angeblichen Bowlingabend, kann bereits das Muster sprengen. Etwas mehr Aftershave fällt Ehefrauen garantiert auf. Und natürlich riechen sie das Parfüm der anderen Frau.

Warum jemand plötzlich nicht mehr per Handy erreichbar ist, obwohl er dies vorher immer war, wird zum weiteren Verdachtsmoment. Und natürlich spielt Kommissar Zufall immer in die Hände der Betrogenen. »Neulich habe ich das Auto von deinem Mann gesehen. Was macht der denn in Zehlendorf?«, schwatzt die Freundin.

Wird der Idiotenlügner darauf angesprochen, streitet er dies ab und will glauben machen, dass sich die Freundin irrte. So funktioniert das nicht. Denn Menschen, die sich kennen, merken Nuancen von Unsicherheit sofort. Bevor man also in Zehlendorf sein Auto parkt, muss klar sein, auf Grund welcher Legende man hier etwas zu tun hatte.

Und hier noch ein Erlebnis, das uns ein Redakteur erzählte (nennen wir ihn Albert):  Albert hatte die Gewohnheit, durch offensives Auftreten nach dem Motto, wo ich bin ist vorne, alles zu machen, was verboten war. Es wäre ihm also nie eingefallen, mit der Freundin ein anderes Restaurant zu besuchen als mit der Ehefrau. Das Personal der Restaurants bekam stets soviel Trinkgeld, dass so »Kleinigkeiten« wie wechselnde Damen an seiner Seite sich überspielten. Eines Tages bekam Albert eine Einladung zu einer Neueröffnung eines Restaurants und nahm seine Freundin mit. Das Essen war gut und Albert sah keinen Grund, diese Lokalität in Zukunft zu meiden. Zwei Wochen später betrat er deshalb mit seiner Ehefrau das Restaurant und wurde vom Wirt auf das freundlichste begrüßt. An der Garderobe meinte dann der Wirt: »Eine reizende Begleitung heute Abend. Alle Achtung! Haben Sie eine neue Freundin?«
Da Schusswaffengebrauch in der Öffentlichkeit untersagt ist, reagierte Albert verbal: »Sie irren, mein Freund! Das hier ist meine Frau, das letzte Mal war es meine Freundin.«
Am Tisch fragte natürlich die Frau, was das denn jetzt gewesen sei und wer ihn denn das letzte Mal begleitet hätte.
Albert zuckte mit den Schulter und lachte: »Kein Ahnung, wen dieser Idiot meinte, der wird mich verwechselt haben. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass, wenn ich eine Freundin hätte, ich so dumm wäre und mit dieser hierher kommen würde?«

Konspiration hat eben viele Gesichter.

 

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©2008, 406 Seiten
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ISBN
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19,00 Euro / 29,90 SFR

 

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